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Kolumne ‚Meine Meinung‘ von MdL Peter Hofelich; „Unser VfB – außer Kontrolle?“

Der 2:0 Heimerfolg des Bundesliga-Teams des VfB Stuttgart am vergangenen Freitag gegen Mainz 05 war erfreulich. Es sieht, immer mögliches Auf und Ab einkalkuliert, nach einer stabilen Gesamtsaison und nach Klassenerhalt mit Distanz zur Abstiegszone in der ersten Erstligasaison aus. Die sportliche Leitung ist nicht nur kompetent, sondern auch überlegt und – dies vor allem – kann sich artikulieren. Die Mannschaft ist gut zusammengestellt, reift und wird sogar noch gezielt ergänzt. Die immer schwierigere zweite Saison nach dem Aufstieg könnte weiteren Aufbau bedeuten. Rotes Herz, was willst du mehr?

Von Peter Hofelich

Tatsächlich spielt sich abseits des Spielfeldes das genaue Gegenteil ab. Als ich vergangenen Mittwoch gegen 10 Uhr meine Mails auf dem Pad abrief, kam mir als einfachem Mitglied die zweite kommunikative Katastrophe und inhaltliche Offenbarung dieser Wochen entgegen. Auf 10 Seiten Rundum-Begründungen des Präsidenten für eine Verschiebung der Mitgliederversammlung, bei der so ziemlich kein Auge trocken blieb. Die erste Katastrophe schon Wochen davor, mit einer Ansage des Vorstands-Vorsitzenden zu einer Kandidatur, die jeder Logik eines Vereins-Aufbaus widersprach, aber offenbar interessengeleitet angestiftet war.  Das zusammen kann nur ins Abseits führen.

Nach ein paar Jährchen Wissenschaft, über 20 Jahren Industrie-Management und 15 Jahren politischer Führung in Landtag und Regierung bin ich vielleicht kein Experte für das harte Bundesligageschäft, aber ich kann doch schon beim bloßen Draufblicken Schlüsse ziehen. Ich werde ‚wuschig‘, wenn ich zu einem Problem keine Analyse und dann keine Problemlösung sehe. Und genau das ist aus meiner Sicht derzeit die Situation an der Mercedesstraße. Und zwar in deren gesamter Länge.

Ein paar Punkte zu Analyse und Lösung:

Erstens: Ausgangspunkt. Wer ist der eigentliche Bezug des VfB? Nicht die Sponsoren, nicht die Freundeskreise, nicht die Fan-Clubs, nicht mal die Mitglieder. Es ist der einfache VfB-Anhänger/die Anhängerin im Stadion, vor dem Fernseher, im Netz und in der Zeitung, in der Stadt und der Region. Eben der sich mit seinem Club identifiziert. Der / die am nächsten Tag über das Spiel spricht. Sie sind Ausgang und Bezug. Der Parzellierung der Interessen, dem Dominanzstreben einzelner Gruppen muss Einhalt geboten werden. Durch integrative Persönlichkeiten und ein verbindendes Motiv. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile! Das muss moderiert und durchgesetzt werden.

Zweitens: Mittelpunkt. Das Spiel. Der Spruch von Bill Shankley ist wunderbar: ‚Fußball ist nicht Leben oder Tod. Es ist mehr‘. Aber dieser schreckliche Ernst rund um den VfB muss zurückgeführt werden. Die 7x24-Stunden-Fans. Die Sport-Journalisten mit der Mikro-Beobachtung und Banalitäten-Diagnose. Von den Beratern und Wichtig-Wichtig-Leuten im Umfeld ganz zu schweigen. Der Verein und die AG müssen, alle wirtschaftlichen Notwendigkeiten anerkennend und unterstützend, wieder mehr ‚Sportverein‘ werden.

Drittens: Brennpunkt. Das Stadion. Ich kenne es fast leer, halb voll und ausverkauft. Über Jahrzehnte aber immer ein ‚Resonanzkörper‘. In den letzten ca. 10 Jahren hat sich das geändert. Treibt der VfB den Ball über die Mittellinie stehen die erste schon auf und versperren den Blick. Ab Minute 10 drängt mich der A-Block ohne jeden sportlichen Anlass zum Aufstehen in einer Pflicht-La Ola-Welle oder gar sinnlosen Steh-Orgie (‚Steht auf, wenn ihr Schwaben seid‘). Hinter mir verabschieden sich die Business-Seats in der 40. Minute zu Kaffee und Häppchen und kommen 10 Minuten nach der Pause zurück. In der Pause, immerhin 15 Minuten, redet man unter den Zuschauern kaum noch miteinander und schaut nur noch auf die dröhnende Anzeigetafel oder ins Handy im überlasteten Netz. Kurz gesagt: das Neckarstadion kommuniziert nicht mehr untereinander, es konsumiert und schweigt nur noch. Ich wünsche mir eine andere Stadion-Beschallung. Musik, die verbindet. Kommerzfreie Nachrichten. Begeisterung nicht aus Pflicht, sondern aus Anlass. Das Stadion ist Ort der Gemeinschaft, nicht der Selbst-Inszenierung!

Viertens: Identifikations-Punkt. Seit VfB-Dortmund in der Start-Saison 62/63 als D7-Jugendlicher bin ich im Stadion. Als Jugendlicher in der oft dünn besetzten Cannstatter Kurve auf den Stehplätzen neben der Gegengerade, seit Mitte 90er auf der Haupttribüne. Drei Abstiege und drei Meisterschaften. Das vergebliche Aufbäumen gegen Napoli. Der magische Abend gegen ManU. Die heitere und links-demokratische Stimmung beim Klinsmann-Abschied. Immer habe ich mich eins mit dem Stadion gefühlt. Nicht nur mir geht aber seit Jahren die unbedingte Identifikation abhanden. Der Grund ist nicht sportlich: die soziale Basis des Fußballs verändert sich. Es wird autoritärer. Die ‚Masse‘ ist nicht mehr freundlich und offen, sie ist eher desinteressiert oder gar aggressiv. Letztlich hat sie der alles vereinnahmende Turbokapitalismus deformiert. Die Spruchbänder der Kurve sind da Revolte einiger ‚Gscheidle‘, keine wirkliche andere Mehrheit. Und das grün interessengeleitete Hereinspielen von Cem Özdemir in Sport im Dritten zur Lage im VfB erst recht nicht. Der VfB muss von der Marketing-Maschine zum regionalen Identifikations-Motor werden. Da ist nicht Gedröhne und Berieselung, sondern Gespür und Nähe nötig.

Fünftens: Schlusspunkt. Die vergangene Wahl des VfB-Präsidenten hat, trotz Fan-Versöhnungen des aktuellen Präsidenten, wenig für das gebracht, was ich bislang angesprochen habe. Eine übers Knie gebrochene Neuwahl würde erst recht nichts bringen. Der bezahlte Vorstand der VfB-AG ringt um seine Legitimation. Die Beförderung des Sportvorstands zum Vorstandsvorsitzenden war übereilt. Wer von der Mitgliederversammlung alles in Präsidium, Beirat oder sonst was gewählt wird, ist nicht wirklich diskursiv angelegt. Die politische Öffentlichkeit in Stadt und Land hat bestenfalls ein taktisches Interesse am VfB. Und die Stuttgarter Sport-Redaktionen sind so gut informiert wie hilflos ratlos. Unser VfB droht ‚außer Kontrolle‘ zu geraten.

Aus meiner Sicht ist ein neues Team gefordert. An die glückliche Ära unter Erwin Staudt muss man anknüpfen. Freilich Lehren für den Zusammenhalt des Gesamtvereins ziehen. Die Arbeitsteilungen, also die ‚Architektur‘ des Vereins sauber definieren. Den Vorrang des/der Vereinsvorsitzenden hochhalten. Vor allem aber die ‚Marke VfB‘ hüten. Das geht nur im Miteinander und im kritisch-offenen Dialog!

 

 

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